Corona hier – Corona da! Und Feinstaubproblematik ade? Ein Interview mit Ingo Hartmann und Johannes R. Gerstner

Gerade in Zeiten der aktuellen, durch die weltweite Pandemie ausgelösten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen werden viele Konzepte neu gedacht.

Für die Wärme aus Holz ergibt sich jetzt die Chance, dass Risiken neu bewertet werden und besonders Argumente wie die Versorgungssicherheit an Bedeutung gewinnen. „Die Rote“ möchte dazu beitragen, dass die Branche gestärkt und innovationsfreudig aus der Krise hervorgeht und ihre Chance nutzen kann.

Dazu wird es in Zukunft eine regelmäßige Rubrik „Future Lab Holzheizung FLH2“ geben, die neue Technologien aus Forschung und Entwicklung verständlich vorstellt und auf Anwendungsaspekte herunterbricht. Wir haben mit den beiden Initiatoren der Rubrik, Dr. Ingo Hartmann und Dr. Johannes R. Gerstner, gesprochen. Beide kennen sich von verschiedenen Branchenveranstaltungen, haben bereits Workshops gemeinsam veranstaltet und einen gemeinsamen Forschungsantrag zur Zukunft der Holzfeuerung an die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) auf den Weg gebracht. Ingo Hartmann ist Fachmann für Einzelfeuerung und Forscher am Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig, eine gemeinnützige GmbH des Bundes, vertreten durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Johannes R. Gerstner ist Experte für Kommunikation und Public Affairs und seit März 2019 Geschäftsführer des Verbands Europäische Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft (EFA) mit Sitz in Berlin.

K&K: Corona hier, Corona dort – um den Feinstaub ist es ja gerade verdächtig ruhig geworden.

Johannes R. Gerstner: Ja, Feinstaub war sicherlich nicht das beherrschende Thema in den Schlagzeilen der vergangenen Wochen. Generell hat die Berichterstattung zu Themen wie Umweltschutz, Klimawandel und Luftreinhaltung stark abgenommen. Diesen Effekt kennt man in der Kommunikationswissenschaft als Nachrichtenwerttheorie. Und außerdem hatten wir alle einige andere Probleme als Diskussionen über Feinstaubstatistiken.

K&K: Einmal provokant gefragt: Zumindest in diesem Bereich der öffentlichen Wahrnehmung hat unsere Branche profitiert?

Johannes R. Gerstner: Ein klares Nein. Denn die großen Fragen um Umwelt, Gesundheit und Feinstaub sind ja deshalb nicht vom Tisch gewischt – es ist vielmehr eine trügerische Ruhe. Wobei: Den inhaltlich völlig schiefen ZDF-Beitrag in der Sendung „Frontal21“ hat kaum jemand wahrgenommen und diskutiert. Da hat sich gezeigt, dass es wichtigere Themen gibt als etwa die absurde Behauptung, dass der deutsche Wald angeblich aufgrund der Holzfeuerung leergeholzt wird.

Ingo Hartmann: Ja, das war natürlich absoluter Quatsch. Aber das Grundproblem bleibt – Feinstaub entsteht als unerwünschtes Nebenprodukt der Holzverbrennung, auch wenn aktuell wenig darüber gesprochen wird.

Johannes R. Gerstner: Richtig, das Problem bleibt. Aber es zeigt sich doch gerade auch, wie überdreht teilweise die mediale Diskussion rund um den Feinstaub war und wie abgehoben manche politischen Argumentationen sind. Ich wünsche mir, dass wir nun wieder zu einer sachlicheren Diskussion um die Wärme aus Holz zurückkehren. Ich kenne jedenfalls einige Branchenverbände, die das sehr begrüßen würden.

Ingo Hartmann: Ich würde mir wünschen, dass wir mehr über wirkungsvolle und innovative Möglichkeiten der Emissionsminderung reden würden, als permanent durch die Verteidigungshaltung wichtige Zeit zu verlieren. Es gibt zahlreiche Ideen zur Verringerung von Feinstaub und Treibhausgasen, einige davon sind sogar schon weit über den Prototypenstatus hinaus und marktreif.

Johannes R. Gerstner: Aber das Problem ist doch, dass die Entwicklungen oft nur einer kleinen Gruppe weniger Eingeweihter bekannt sind.

K&K: Warum weiß die Branche so wenig über diese Innovationen? Die könnten doch gerade dazu beitragen, dass wir in der Feinstaubdiskussion einen stärkeren Stand bekämen.

Ingo Hartmann: In den Testlaboren und an den Schreibtischen in den Instituten und Unternehmen entstehen tolle Lösungen. Aber diese Innovationen kommen nur bedingt am Markt an, weil die entscheidenden Personen aus der Forschung, Praxis und Politik häufig nicht auf einer Wellenlänge liegen. In der Forschung zählen wissenschaftliche Publikationen häufig mehr als eine mögliche spätere Praxiseinführung. Unternehmen betreiben Entwicklungen häufig zu Marketingzwecken oder haben Scheu, den Kunden kostenintensive Innovationen anzubieten, und Politiker sind wegen des Wahlverhaltens zurückhaltend bei für Bürgerinnen und Bürger unbequemen regulatorischen Vorgaben. Auch der Schutz von neuen Erkenntnissen ist durchaus komplex und kostenintensiv, gerade für kleine Unternehmen. Bei der Markteinführung müssen sich die Expertinnen und Experten der Branche also auch an die eigene Nase fassen.

Johannes R. Gerstner: Das ist, glaube ich, etwas zu hart. Alle Verbände durch die Bank bemühen sich, auf technischen Tagungen und bei anderen Gelegenheiten Vorträge über den Stand der Forschung und Potenziale für die Praxiseinführung zu organisieren. Wir beide haben selbst mit einigen anderen Fachleuten auch die beiden Zukunftsworkshops in Leipzig, einmal am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschungszentrum und einmal am DBFZ, veranstaltet.

Ingo Hartmann: Das reicht aber nicht. Wenn ich einen wissenschaftlichen Artikel schreibe, dann erscheint der in einem Fachblatt und ist danach nur einigen wenigen Fachleuten bekannt. Personen aus der Industrie bekommen davon meist zu wenig mit. Da sind Vorträge und Workshops zwar unverzichtbar, aber können nicht den gesamten Wissenstransfer alleine leisten. Hier muss mehr Austausch mit Bezug zur Praxis stattfinden, um gemeinsam der Skepsis der Unternehmen gegenüber Innovationen entgegenzuwirken.

Johannes R. Gerstner: Ja, das stimmt, da haben wir auch schon öfter drüber gesprochen. Auch in den Unternehmen selbst entstehen tolle Innovationen, die oft nicht beworben werden. Auch hier fehlt es an Wissenstransfer.

K&K: Warum bewerben die Unternehmen ihre Innovationen nicht?
Aus Angst vor Konkurrenz oder Nachahmung?

Johannes R. Gerstner: Das sind bestimmt die wenigsten. Generell liegt es vermutlich eher am Produkt selbst. Die Holzfeuerung ist eben nichts, was man im Marketing mit Technologie und Innovation in Verbindung bringen möchte. Da lag das Augenmerk in der Vergangenheit eher auf Aspekten wie Ambiente, Tradition und Gemütlichkeit. Die Innnovationen haben sich da eher im Hintergrund abgespielt und sollten für den Kunden möglichst unsichtbar bleiben.

Ingo Hartmann: Zu Unrecht. Ich könnte aus dem Stand eine ganze Reihe von Innovationen aufzählen, die einer Erwähnung durchaus wert wären.

K&K: Welche wären das denn konkret?

Ingo Hartmann: Da kann man bei innovativen Brennräumen anfangen, etwa die Zwei-Kammer-Sturzbrandtechnik oder der Brennzylinder eines deutschen Herstellers. Auch bei der Verbrennung gibt es Innovationen, etwa die stromlose Verbrennungsregelung oder die kontinuierliche Holzbrikettfeuerung. Dazu kommen zahlreiche Möglichkeiten der Emissionsminderung wie Katalysatoren oder Abscheider und und und …

Johannes R. Gerstner: Und genau diese Innovationen müssen wir in der Branche bekannt und der gesamten Industrie zugänglich machen. Denn nicht alle Unternehmen können sich eine eigene Entwicklungsabteilung leisten, bereichern aber mit ihren Produkten meist in der Nische unheimlich stark den Markt und tragen zur Attraktivität der Holzfeuerung bei. Und auch das Handwerk wollen wir nicht vergessen – Speicherfeuerstätten haben große konstruktive Vorteile, die sich durch Weiterentwicklung durchaus noch intensivieren lassen.

K&K: Sie haben ja bereits eine Idee, wie man zumindest einen Teil der Innovationen aus der Forschung bekannter machen und somit auch wertvolle Impulse für Industrie und Handwerk geben kann.

Ingo Hartmann: Ja, wir haben schon ein paar Mal darüber diskutiert und ein Konzept erarbeitet, wie wertvolle Innovationen für Kleinfeuerungsanlagen verständlich vermittelt werden können.

Johannes R. Gerstner: Das war auch der Grund, sich mit der „Roten“ als etabliertem Branchenblatt zusammenzutun und das Vorhaben anzupacken. Wir wollen in Zukunft in regelmäßigen Abständen in der Zeitschrift ein „Future Lab Holzheizung FLH2“ anbieten, in dem wir Neuigkeiten aus Forschung und Entwicklung vorstellen und einordnen sowie auch einen Weg aufzeigen, wie man die Ergebnisse wirtschaftlich verwerten kann. Ingo hat als Forscher natürlich einen exzellenten Überblick über die Szene und spannende Ergebnisse.

Ingo Hartmann: Und Johannes bringt seine Erfahrung als Wissenschaftsjournalist mit ein und sorgt dafür, dass die Ergebnisse verständlich präsentiert werden.

Johannes R. Gerstner: Wichtig ist, dass wir hier nicht nur Werbung für ausgewählte Produkte oder eigene Forschung des DBFZ machen, sondern dass über Verbände, Unternehmen und Forschungseinrichtungen hinweg aktuelle und vielversprechende Ergebnisse und Produkte präsentiert werden. Letztendlich profitieren wir alle davon, wenn wir uns in Zukunft nicht nur als besonders wirtschaftsstarke Branche präsentieren, sondern auch auf unsere Innovationskraft aufmerksam machen. Denn das ist das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft gründen.

K&K: Einige Stimmen wollen diese Zukunft der Holzfeuerung komplett absprechen. Ich denke da etwa an bestimmte Umweltverbände und Behörden.

Johannes R. Gerstner: Unsere Branche rasselt auch manchmal ganz schön mit Säbeln, da müssen wir uns nicht wundern, wenn zurückgerasselt wird. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass auch bei Behörden und Umweltverbänden vernünftige und aufgeschlossene Leute sitzen, mit denen geredet werden kann – und auch muss. Denn auch diese Akteure sind wichtig für unsere Zukunft.

Ingo Hartmann: Und viele Argumente, die für die Holzfeuerung sprechen, werden jetzt vielleicht auch wieder anders wahrgenommen. Etwa die CO2-Neutralität …

Johannes R. Gerstner: … oder nach der weltweiten Ausnahmesituation durch die Pandemie die Vorteile einer regionalen und regenerativen Wärmeversorgung. Versorgungssicherheit der Heizung war zwar in den außergewöhnlich warmen Frühlingsmonaten kein Thema. Ich denke jedoch, dass wir gerade auch im Bereich der kritischen Infrastruktur in Zukunft etwas sensibler geworden sind.

K&K: Also eine Zukunft für die Wärme aus Holz?

Johannes R. Gerstner: Natürlich! Momentan sprechen sogar noch mehr Argumente für unsere nachhaltige, umweltfreundliche und versorgungssichere Wärme aus Holz.

Ingo Hartmann: Und mit der neuen Rubrik „Future Lab Holzheizung FLH2“ wollen wir auch dafür sorgen, dass wir immer weniger Angriffsfläche in der Feinstaubdiskussion bieten.

Herr Dr. Hartmann, Herr Dr. Gerstner, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die ersten Einblicke in Forschung und Entwicklung – in der Ausgabe 6/2020 erscheint erstmalig ein Beitrag in der neuen Rubrik „Future Lab Holzheizung“.

Ingo Hartmann (links) ist Fachmann für Einzelfeuerungen und Forscher am Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig. Johannes R. Gerstner (rechts) ist Experte für Kommunikation und Public Affairs und seit März 2019 Geschäftsführer des Verbands Europäische Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft (EFA) mit Sitz in Berlin.

 

 


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